Der Zusammenhang von Gluten, Zöliakie und Typ I Diabetes

Bei 0.5 bis 1% der Bevölkerung geht man davon aus, dass sie von Zöliakie betroffen ist. Typ I Diabetiker tragen je nach Literatur ein Risiko zwischen 1.7 und 10%, wobei die meisten Studien dazu von rund 5% ausgehen (Amin et al. 2002; Abid et al. 2011). Es gibt also eindeutig einen Zusammenhang zwischen Typ I Diabetes und Zöliakie.


Studien in Tiermodellen haben ergeben, dass die Pathogenese – also die Entstehung der Krankheit – mit der Ernährung zusammenhängt. Bei nicht-diabetischen Mäusen verhindert eine glutenfreie Diät weitgehend die Entstehung von Diabetes, während sie bei glutenreicher  bzw. getreidebasierter Diät die Entwicklung eines Diabetes zu begünstigen scheint. Menge, Zeitpunkt und Art der Einführung von Getreide in die Ernährung eines Säuglings beeinflussen das diabetogene Potenzial von Gluten. Aktuelle Untersuchungen deuten nachweislich darauf hin, dass eine glutenfreie Ernährung die Betazellfunktion (für die Insulinproduktion verantwortliche Zellen) erhalten kann (Antvorskov et al. 2014).

Weiter können nach Antvorskov et al. Getreideproteine (z.B. Gluten), Kuhmilchproteine, ein niedriger Vitamin D-Spiegel, Enteroviren, Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien und stressige Lebensereignisse Einfluss auf die Entstehung eines Diabetes haben.


Was ist Zöliakie?

Zöliakie ist eine entzündliche Darmerkrankung mit Autoimmunmerkmalen, die durch den Kontakt mit Gluten und verwandten Getreideproteinen ausgelöst wird. Die Proteine lösen eine entzündliche Immunreaktion im Darm aus, was zu den Symptomen wie z.B. Blähungen oder Durchfall führt.

Die Entstehung wird ausgelöst, wenn Glutenpeptide die Darmschleimhaut durchdringen. Die Peptide können durch das Enzym Gewebetransglutaminase (tTG) deamidiert werden. Die Deamidierung führt eine negative Ladung in die Glutenpeptide ein, was ihre Bindungsaffinität zu HLA-DQ2 oder HLA-DQ8 auf Antigen-präsentierenden Zellen (APCs) erhöht. Damit erhöht sich die Möglichkeit, den Schwellenwert zu erreichen, der erforderlich ist, um glutenreaktive T-Zellen zu aktivieren.

Wie hängt Diabetes damit zusammen?

Der genetische Hintergrund der beiden Krankheiten Diabetes und Zöliakie ist sehr ähnlich. Beide Krankheiten scheinen mit einer hohen Anfälligkeit mit dem HLA-DQ2/DQ8-Genotyp verbunden zu sein.

Zum Beispiel wurde auch ein Zusammenhang zwischen einer frühen Exposition mit Kuhmilch und einem späten Gluten-Kontakt (nach dem 6. Lebensmonat) gefunden. Zudem gibt es starke Hinweise darauf, dass ein Weglassen von Gluten (vor allem während den ersten drei Lebensmonaten) in der Ernährung protektiv auf die Entstehung eines möglichen Diabetes wirkt (Serena et al. 2015).


Nützt eine glutenfreie Diät?


Die Studienlage zu der glutenfreien Diät (GFD) im Zusammenhang mit Diabetes ist noch unsicher. Passali et al. (2020) konnten beweisen, dass sich durch eine GFD die Glukosetoleranz und die Insulinsensitivität bei Personen mit Diabetesrisiko (Typ I) deutlich erhöht.

2012 liess ein dänischer Fallbericht aufhorchen, der zeigte, dass eine 2-3 Wochen nach der Diagnose von Typ I Diabetes eingeführte GFD die Remission bei einem fünfjährigen Jungen ohne Zöliakie verlängert haben könnte. Sowohl sein HbA1c als auch sein Nüchternblutzucker stabilisierten sich ohne Insulintherapie. Auch zwanzig Monate nach der Diagnose war er immer noch ohne die Notwendigkeit einer täglichen Insulintherapie (Sildorf et al. 2012).


Durch den Fallbericht wurde eine Pilotstudie veranlasst, die feststellte, dass sich der HbA1C-Wert durch GFD 21% verbesserte und eine Teilremission des Diabetes erfolgte. Auch in anderen Studien wurden positive Auswirkungen auf den HbA1C beobachtet (Amin et al. 2002). Zudem kam es durch die GFD auch zu viel weniger Hypoglykämien (Abid et al. 2011).


Was heisst das nun?


Heilen wird man Typ I-Diabetes durch GFD nicht können. Bei einem frühen Beginn einer GFD kann aber die Entwicklung des Diabetes verlangsamt werden oder allenfalls sogar aufgehalten werden. Dazu braucht es aber künftig mehr Studien und auch die Balance zwischen dem angeborenen und dem «erlernten» Immunsystem muss genauer untersucht werden.


Referenzen


  • Sildorf SM, Fredheim S, Svensson J, Buschard K. Remission without insulin therapy on gluten-free diet in a 6-year old boy with type 1 diabetes mellitus. BMJ Case Rep. 2012 Jun 21;2012:bcr0220125878. doi: 10.1136/bcr.02.2012.5878. PMID: 22729336; PMCID: PMC3387460.

  • Svensson J, Sildorf SM, Pipper CB, Kyvsgaard JN, Bøjstrup J, Pociot FM, Mortensen HB, Buschard K. Potential beneficial effects of a gluten-free diet in newly diagnosed children with type 1 diabetes: a pilot study. Springerplus. 2016 Jul 7;5(1):994. doi: 10.1186/s40064-016-2641-3. PMID: 27398272; PMCID: PMC4936999.

  • Abid N, McGlone O, Cardwell C, McCallion W, Carson D. Clinical and metabolic effects of gluten free diet in children with type 1 diabetes and coeliac disease. Pediatr Diabetes. 2011 Jun;12(4 Pt 1):322-5. doi: 10.1111/j.1399-5448.2010.00700.x. Epub 2011 Mar 29. PMID: 21615651.

  • Amin R, Murphy N, Edge J, Ahmed ML, Acerini CL, Dunger DB. A longitudinal study of the effects of a gluten-free diet on glycemic control and weight gain in subjects with type 1 diabetes and celiac disease. Diabetes Care. 2002 Jul;25(7):1117-22. doi: 10.2337/diacare.25.7.1117. PMID: 12087007.

  • Antvorskov JC, Josefsen K, Engkilde K, Funda DP, Buschard K. Dietary gluten and the development of type 1 diabetes. Diabetologia. 2014 Sep;57(9):1770-80. doi: 10.1007/s00125-014-3265-1. Epub 2014 May 29. PMID: 24871322; PMCID: PMC4119241.

  • Serena G, Camhi S, Sturgeon C, Yan S, Fasano A. The Role of Gluten in Celiac Disease and Type 1 Diabetes. Nutrients. 2015 Aug 26;7(9):7143-62. doi: 10.3390/nu7095329. PMID: 26343710; PMCID: PMC4586524.

  • Passali M, Josefsen K, Frederiksen JL, Antvorskov JC. Current Evidence on the Efficacy of Gluten-Free Diets in Multiple Sclerosis, Psoriasis, Type 1 Diabetes and Autoimmune Thyroid Diseases. Nutrients. 2020 Aug 1;12(8):2316. doi: 10.3390/nu12082316. PMID: 32752175; PMCID: PMC7468712.